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»Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten«

»Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten«

Erinnerungen | Marie Langer

Hardcover
2026 Edition Atelier
Auflage: 1. Auflage
128 Seiten; 20.5 cm x 12.5 cm
ISBN: 978-3-99065-149-0

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Hauptbeschreibung
Sie gilt als eine der bekanntesten lateinamerikanischen Psychoanalytikerinnen, in Europa ist sie heute nahezu unbekannt. Ein Glück, dass Marie »Mimi« Langer ihre Erinnerungen an ihr aufregendes Leben selbst aufgeschrieben hat und wir so eine außergewöhnliche Frau wiederentdecken können. 1910 in eine wohlhabende und moderne jüdische Familie geboren, geht sie rasch ihren eigenen Weg: zunächst in die fortschrittliche Schwarzwaldschule, dann auf die Universität, um Medizin zu studieren. Bereits 1933 tritt sie in die Kommunistische Partei Österreichs ein, 1936 schließt sie sich in Spanien den Internationalen Brigaden an und emigriert schließlich nach Südamerika, wo ihr Leben keineswegs ruhiger wird.
Fesselnd und anhand zahlreicher Anekdoten plaudert Marie Langer in ihren »Erinnerungen« über ihre Kindheit und Jugend in Wien, ihre Familie, ihren Werdegang als Ärztin und Analytikerin, das politische Engagement nicht nur im Spanischen Bürgerkrieg und ihr Ankommen in Lateinamerika.

»Im wesentlichen bestand das Leben im Untergrund darin, die Sicherheitsmaßnahmen zu befolgen; so durfte man niemals über die Partei mit Personen sprechen, die nicht Genossen waren, und sogar untereinander wurden die Namen der Parteigenossen geheimgehalten. Als ich letztere Maßnahme zum ersten Mal kennenlernte, erschien sie mir eher komisch. Es klingelte, und ich öffnete einem Mann. »Ich komme von Soundso«, erklärte er mir, »und bin jetzt dein Verantwortlicher.« — »Sehr erfreut, Genosse. Willst du einen Kaffee? Wie heißt du?« — »Wie du mich nennen willst, ich habe keinen Namen.« — »Gut, für mich bist du Eduard«, sagte ich, nachdem ich meine Verblüffung überwunden hatte. Er fragte mich auch nach meinem zukünftigen Parteinamen. »Ich will nicht meinen Namen ändern. Nennt mich einfach Mimi, das ist mein Spitzname.« — Als ich später einmal festgenommen wurde, wollte die Polizei von mir wissen, ob ich eine gewisse Mimi kennen würde, ihr Name sei in der letzten Zeit relativ häufig bei Verhören aufgetaucht. Aber sie haben nicht herausgefunden, daß ich — laut Geburtsschein Marie Lisbeth — diese Mimi sein könnte.
Ansonsten lebte ich zu dieser Zeit in einer gewissen Gespaltenheit. Manchmal ging ich noch Ski fahren, wie ich es gewohnt war; aber jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei, weil Skifahren seit der Illegalität als leicht verwerflich, »unseriös« galt. In Unterhaltungen mit Freunden hat immer ein wesentlicher Teil meines Lebens — nämlich die Politik — gefehlt; so erschien ich — genauso wie Julia ihrer Freundin — merkwürdig. Ich mußte mich nie in fremden Wohnungen verstecken oder unter einem anderen Namen leben, aber meine Gedanken versteckte ich fast immer.
Im Untergrund wurde ich dem Agitprop (dem Apparat für Agitation und Propaganda) zugeteilt — wegen meiner bürgerlichen Verbindungen und der Wohnung meiner Eltern, die ich allein bewohnte. Hier konnten oft konspirative Versammlungen des Zentralkomitees stattfinden, dessen Mitglieder ich von daher recht gut gekannt habe; außerdem war der Generalsekretär Koplenik mit einem jüdischen Mädchen, einer weitläufigen Verwandten von mir, verheiratet. Meine Aufgabe bestand im wesentlichen darin, Räume für Sitzungen und heimliche Treffen zu besorgen. Das Hauser Palais, das mittlerweile von vielen Mietern und Untermietern bewohnt wurde, war ein großes Gebäude; der Concierge — im Stil Fouchés eine Art Polizist und Schnüffler — mußte ständig getäuscht werden. Ich kann wirklich stolz darauf sein, in meiner Wohnung den — vor dem Krieg — letzten Kongreß der österreichischen kommunistischen Partei organisiert zu haben, an dem sechzig Landesdelegierte teilnahmen. In dieser Woche war meine Wohnung wie ein Taubenschlag — es gab ein lebhaftes Kommen und Gehen —, und ich erinnere mich noch der Blasen an meiner rechten Hand, weil ich für so viele Leute Brot schneiden mußte ...
Zu dieser Zeit war es immer ungewiß, ob ich mein Studium beenden könnte; auch Vera Figner hatte ihr Studium abbrechen müssen. Wenn mich die Polizei verhaften und meine Parteizugehörigkeit herausfinden würde, wäre es vorbei mit der Universität. So studierte ich in großer Eile — auf Wiener Art in den verschiedenen Kaffeehäusern —, um möglichst bald abzuschließen. Was mir gelang.«

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