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Harry Rowohlt

Harry Rowohlt

Ein freies Leben | Alexander Solloch

Hardcover
2025 Kein & Aber
Auflage: 2. Auflage
320 Seiten; 21 cm x 13 cm
ISBN: 978-3-0369-5057-0

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INHALT


Prolog 7


1.  Schwer erziehbare Eltern 13


2.  Der Briefsteller 59


3.  Liebe und Freundschaft 89


4.  Straflager und Klapsmühle 139


5.  Der Unübersetzer 173


6.  Auf der Bühne 235


Epilog 275


 


Anmerkungen 281


Werkverzeichnis 300


Personenverzeichnis 314






Prolog



Zur vertraulichen Ankündigung, ich wolle versuchen, ein Buch über das Leben von Harry Rowohlt zu schreiben, sagte mir ein Schriftsteller spontan: »Was, eine Biografie? Aber der saß doch nur am Schreibtisch und hat gesoffen! Was gibts denn da zu erzählen?« Bestimmt hat dieser Dichter recht; seinerseits unternimmt er mindestens anderthalb Weltreisen jährlich, an denen
sein
Biograf dermaleinst noch viel Freude haben wird. Vielleicht aber hat er sich auch geringfügig geirrt. Wir werden sehen.


Jeder, der zwischen 1980 und 2015 wenigstens ein paar Jahre in Hamburg gelebt hat, antwortet auf die Frage, was an dieser Stadt so interessant und besonders sei, auffallend gleich – jedenfalls dann, wenn endlich die Punkte eins bis drei mit jeweils individuell unterschiedlich verklärten Erinnerungen an die Kiez-Kneipenkultur, die umwerfende Schönheit der Köhlbrandbrücke »und überhaupt der Hafen, meine Güte, der Hafen« brav abgearbeitet sind. Viertens heißt es jeweils mit endlich passender Lakonie: »Harry Rowohlt dienstags und freitags auf dem Isemarkt.« Man sah ihn, und man freute sich. Rauchte man, so konnte man darauf hoffen, im Vorbeigehen ein paar lobende Worte für dieses angemessene Verhalten von ihm spendiert zu bekommen. Ansonsten holte er sich bei »Fisch Schloh« seine Feinkost und ging wieder nach Hause in die Eppendorfer Landstraße. Er war ja nach eigenen Angaben ein Stubenhocker. Aber er brauchte die Menschen, er wollte ihnen zuhören, sie ein bisschen beobachten, und überhaupt – mal sehen, ob er nicht mit einer kleinen Geschichte heimkehren würde, die er Ulla oder Nikolaus oder Schulzi würde weitererzählen können, oder auch nur mit einer Idee für ein Brief-Postskriptum: »Eben beim Zigarettenholen ist mir eine bildhübsche Formulierung eingefallen, die ich im Laufe des Tages an meiner Freundin Anna ausprobieren werde: ›Das Wesen der Lyrik wird sich dir nie erschließen; da bist du teilbestuhlt.‹« Wenn es etwas zu erzählen, etwas zu formulieren gab, ging es ihm gut. Harry Rowohlt hat sich sein Leben so eingerichtet, dass es ihm meistens gut ging.


Ein glückliches Leben am Schreibtisch mit Alkohol und zweimal wöchentlich Ausgang zum Isemarkt – darüber ein Buch?


Darüber ein Buch.


Denn zu erzählen ist doch die Geschichte eines Menschen, der das geschafft hat, wonach wir alle streben: Harry Rowohlt hat einen Weg gefunden, frei zu sein und das zu tun, was er tun wollte. Als überzeugter »Unübersetzer« hat er auch da noch Worte gefunden, wo andere sicherheitshalber schweigen. Sein Leben war wohl nicht so lang, wie es hätte sein sollen, um unser Verlangen nach von ihm zugespitzten Geschichten, von ihm übersetzten Romanen, von ihm vollgequatschten Hörbüchern restlos zu stillen. Aber es war ein schönes Leben, so schön, dass er auf die Frage nach Gemeinsamkeiten mit Pu dem Bären antwortete: »Wir sind beide dumm, kommen aber sehr gut zurecht.« Wenn das nun schon mal einer schafft, dann will doch davon erzählt werden!



Sowieso war die Suche nach dem guten Leben – zum Glück für den Biografen und fürs Lesepublikum – zwischendurch peinvoll und beinahe selbstzerstörerisch. Er musste ja zunächst die »Festungshaft« im Rowohlt Verlag abwenden, die Zukunftsängste des selbst ernannten »Totalversagers« überwinden und in der »Klapse« zu einer Art »sich selbst« finden. Und dann die Sache mit dem Alkohol … Jedoch: Tatsächlich hat er
am Schreibtisch
immer nur Tee getrunken.


Da gibts ja also doch ein bisschen was zu erzählen auf den nachfolgenden Seiten; übrigens nicht streng chronologisch, sondern eher thematisch, dabei immer wieder auch auf die vom Protagonisten so geschätzte rhetorische Figur der Abschweifung zurückgreifend. Kein lückenloser Lebenslauf will und kann dies sein, sondern  – wie jede Biografie  – allenfalls eine skizzenhafte Annäherung. Vieles an dieser Geschichte beruht auf den Erinnerungen seiner Weggefährten, allen voran seiner Ehefrau Ulla Rowohlt. Sie hat mir sämtliche Zugänge zu Harrys Leben geöffnet, Kontakte zu alten Freunden angebahnt, mir vertrauensvoll 15 Leitz-Ordner voller Briefe überlassen, sich selbst nochmals tiefe Erinnerungsarbeit abverlangt und dabei auf die Episoden keine Schminke gekleistert, die geschminkt vielleicht etwas hübscher aussähen – und: Sie hat mich mit robuster Liebenswürdigkeit angespornt, nicht schlappzumachen. Wäre ja schön, wenn das Buch noch zu ihren Lebzeiten erschiene. Et voilà.


Sehr dankbar für ihre Gedanken und Erinnerungen bin ich außerdem Philip Ardagh, Heiko Arntz, Thomas Bodmer, Charlotte Drews-Bernstein (†), Werner J. Egli, Irene Fischer, Ulrich Greiner und Irmgard Leinen-Greiner, Gregor Gysi, Corinna Hauswedell, Peter Haag, Gerd und Tini Haffmans, Nikolaus Heidelbach, Gerhard Henschel, Ruth Keen (doppelt und dreifach), Bernhard Klingmüller, Neio und Werner Krämer, Helmut Mennicken, Anna Mikula, Ernestine von Salomon, Anna Marianne Schatz, Katja Scholtz, Frank Schulz, Ralf Sotscheck, Andy Stanton, Gerd und Renate Stroucken, Matthias Wegner (†) und Christian Weisenborn. All diese wundervollen Menschen haben mir nicht nur tiefe Einblicke in den Harry-Kosmos geschenkt, sondern mir auch die Türen zu ihren eigenen Lebensläufen geöffnet. Dabei ist mir klar geworden: Im Grunde verdient es jeder Mensch (zzgl. seine Verwandten und Bekannten), mit einer Biografie gewürdigt zu werden. Es ist kein unaufregendes Leben denkbar.



Zu Dank verpflichtet bin ich außerdem dem Übersetzer Ulrich Blumenbach für seine herzliche Bereitschaft, sich auf ein gemeinsames Nachdenken über Harrys Handwerk einzulassen, Isabel Bogdan für einen entscheidenden Stupser genau zur richtigen Zeit, ferner der Redaktion der Zeitschrift konkret für die nette und umstandslose Hilfe beim Aufspüren alter Harry-Texte und schließlich unbedingt dem erstklassigen
Lindenstraßen
-Experten Felix Keil, der mir an einem schönen Spätsommertag in Hannover-Linden kenntnisreich und geduldig das Wesen dieser Serie näherbrachte und mir in den folgenden Wochen auch eilige mitternächtliche Fragen (»Kannst Du mir mal eben sagen, wer das ist, der da in Folge 1443 am Tresen neben Harry sitzt?«) schnell und zuverlässig beantwortete.



Was nun wiederum Harry selbst von sich erzählte in seinen Kolumnen, seinen Bühnenauftritten und vor allem in seinem mit Ralf Sotscheck zusammengestellten Erinnerungsbuch
In Schlucken-zwei-Spechte
aus dem Jahr 2002, kann man amüsiert zur Kenntnis nehmen; diese Geschichten sollten aber jeweils interpretiert und keinesfalls von vornherein für bare Münze genommen werden, wie es leider der Germanist Tomasz Małyszek in seinem Buch
Harry Rowohlt. Ein gut übersetztes Leben
tut. Im Zweifel bedeutete Harry die Treffsicherheit einer Pointe mehr als etwa historische Genauigkeit. So habe ich im Laufe der vierjährigen Spurensuche gelernt, mich an so gut wie jeder Geschichte von Harry zu freuen, aber so gut wie keiner zu glauben.



Um den Standort des Biografen kenntlich zu machen, sei gesagt, dass es sich hierbei um einen zutiefst distanziert-journalistischen Standort handelt, an dem der kühle Wind der Objektivität weht. Vielleicht würde ich, wenns zum Schwur käme, nicht mit größter Verve bestreiten, dass mir dieser Mann (aus der Ferne betrachtet) und sein Werk (aus der Nähe betrachtet) recht sympathisch sind. Aber ansonsten: zutiefst distanziert-journalistisch-objektiv. Ich gehörte nicht zum Freundes- oder Bekanntenkreis von Harry Rowohlt. Im August 2008 hatte ich mich für ein längeres Radiointerview mit ihm getroffen. Zwar machte er auch hier so gut wie keine sachdienlichen Angaben zur Person, aber er erzählte sehr viele lustige Geschichten, wie zum Beispiel diese: »Wenn ich bei einem Film etwas so richtig mies finde, denke ich immer: Genauso hätte ich das auch gemacht! Nein, zum Filmemachen bin ich nicht berufen. Ich kann ja nicht mal Leuten im Auto sagen, wie sie fahren müssen, weil ich einfach
nicht stark genug
bin, anderen Menschen meinen Willen aufzuzwingen. Das habe ich mal zu Denis Scheck gesagt, der mit seinem Jaguar versucht hat, mich in Köln zu meinem Hotel zu fahren, und er antwortete: ›So ’ne blöde Erklärung dafür, dass man blöd ist, habe ich noch nie gehört.‹« Ja, es war ein schöner Sommertag, der schon so erfreulich begonnen hatte: Harry Rowohlt, den sonst fast nie etwas aus der Fassung brachte, platzte beinahe vor Stolz, als er mir zur Begrüßung eine Postkarte zeigte, die ihm gerade durch den Briefschlitz »auf die Auslegware« geflattert war, darauf: liebenswürdige, anerkennende Worte des Sprachkünstlers Ror Wolf. Selten sieht man jemanden glücklicher, als Harry Rowohlt es an diesem Vormittag gewesen ist. Und noch etwas fabelhaft Unerwartetes war geschehen: Die Funkhauspförtner hatten Harry Rowohlt widerspruchslos durchgewinkt – keine Selbstverständlichkeit, jedenfalls in seiner Erzählung: »Vor Jahren hatte ich dreimal kurz hintereinander im NDR zu tun. Jedes Mal sagte der Pförtner: ›Sie habe ich hier aber noch nie gesehen!‹ Und ich antwortete immer ganz kühl: ›Ich Sie aber auch noch nicht.‹« Vielleicht war ihm diese Entgegnung tatsächlich erst viel später, etwa auf dem Isemarkt, eingefallen, aber die Güte einer Geschichte hängt ja nicht von ihrem Wahrheitsgehalt ab. »Und als es beim WDR eine Riesenfete zum zwanzigsten Geburtstag der
Lindenstraße
gab«, fuhr Harry Rowohlt in dieser Radiosendung fort, »war da auch so ein Pförtner, der mich nicht hineinlassen wollte und mich fragte: ›Was machen Sie hier?!‹ Und ich sagte ungeheuer würdevoll: ›Ich spiele seit zwölf Jahren in der
Lindenstraße
einen Nichtsesshaften, SIE PENNER!!!‹ Das tat gut.«


Die Beiträge des Interviewers bestanden im Wesentlichen aus Lachen und Schnaufen. Das scheint Harry Rowohlt ganz gut gefallen zu haben, sodass er mich in den darauffolgenden Monaten noch hin und wieder anrief oder mir einen kleinen Brief schrieb, um mir irgendetwas zu erzählen, von dem er annehmen durfte, dass es mich wieder zum Lachen und Schnaufen bringen würde. Aber mehr war da nicht, ich schwöre!


Nun ist es so, dass sehr viele Menschen Harry Rowohlt gekannt, gemocht oder gar geliebt haben, weitaus mehr, als hier zu Wort kommen können. Sie alle werden hier und da etwas vermissen, Beiläufiges, Anekdotisches, vielleicht auch Entscheidendes. Zwar ist dies ein Buch voller Geschichten – aber immer noch bleibt ganz schön vieles unerzählt. Wahrscheinlich könnte man jedes Jahr eine neue Harry-Biografie schreiben, und jede wäre vollkommen anders.


Ist das nicht eine schöne Aussicht?




Kurztext
Eine anekdotenreiche Biografie

Hauptbeschreibung


»Er wird werden, was er ist«, stand in seinem Abschlusszeugnis. Und es stimmte! Harry Rowohlt wurde all das, was er schon immer war und sein wollte: ein irre komischer Sprachartist und ein virtuoser Meister der Abschweifung, ein genialer Übersetzer von Unübersetzbarem und Vorleser mit den tausend Stimmen, zudem als Krönung »Penner Harry« in der  Lindenstraße. Kurz vor seinem Tod sagte er: »Ich hatte ein glückliches Leben!« Tatsächlich aber verlief dieses Leben ganz anders als vorgesehen, weil er nicht werden wollte, was er werden sollte – Nachfolger des Vaters als Verleger –, versuchte er jahrelang verzweifelt, dem Rowohlt-Verlag zu entkommen.


Wie Harry Rowohlt es schaffte, zu einer Art Seelenverbindung mit Pu dem Bären zu finden – »Wir sind beide dumm, kommen aber sehr gut zurecht« –, davon erzählt diese Biografie. Sie beruht auf unzähligen Gesprächen mit seiner Ehefrau und vielen Weggefährtinnen und Weggefährten sowie auf einer gründlichen Auswertung seines gewaltigen Nachlasses und fördert manche Überraschung zutage: Denn Harry Rowohlt hat zwar gern und viel von sich erzählt – aber nicht unbedingt zuverlässig. Das wird hier nachgeholt.





Alexander Solloch, geboren 1978, aufgewachsen am Niederrhein, studierte Geschichte und Französisch in Leipzig und Aix-en-Provence. Nach dem Volontariat arbeitete er als freier Autor und Hörfunkmoderator. 2011 und 2019 wurde er für den Deutschen Radiopreis nominiert. Seit 2014 ist er Literaturredakteur beim NDR. Alexander Solloch lebt in Hannover.




Harry Rowohlt (1945 - 2015) lebte als Autor, Übersetzer (z. B. der Flann-O’Brien-Neuausgabe bei Kein & Aber) und Vortragskünstler in Hamburg. Bei Kein & Aber erschienen zahlreiche Bücher, u. a. 
John Rock
(2004),
Der Kampf geht weiter
(2005), und CDs, darunter Kenneth Grahames
Der Wind in den Weiden
(2000), A. S. Neills
Die grüne Wolke
(2005), Laurence Sternes
Tristram Shandy
(2006) und Henry Glass'
Weltquell des gelebten Wahnsinns
(2007). 2010 erschien bei Kein & Aber die Ringelnatz-Hommage
Wie seine eigene Spucke schmeckt, das weiß man nicht
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